10. und 11. Tag nach Frühlingsbeginn

„Dann werden wir wieder hier sitzen“, hatte ich am 20. März im Garten zu ihm gesagt.
Seitdem waren wir nicht mehr draußen. Ich war bei ihm am Sofa, rasierte vorsichtig seinen 2 Tagebart ab und cremte hinterher das Gesicht noch sorgfältig ein. Er hielt ganz still und schaute mich mit großen, dankbaren Augen an.
„Das du das so kannst“, brachte er im heißeren Flüsterton hervor. Ich gestehe, einen winzigen Augenblick hätte ich ihm am liebsten fest auf den Hals gedrückt. Dieses Elend zu sehen, ging an meine Grenzen. Es sollte aufhören, für ihn, mich, uns alle. Dieser Hauch von Gedanken – er war aber und Unrecht.
„Was machst du morgen?“ Ich zuckte mit den Schultern, hatte erst ab mittags Termine. „Möchtest du morgen etwas besonderes von mir“, frage ich zurück. Er blickte mich eigenartig an. Mir wurde schrecklich Bang. Ich strich über seine Hände und wünschte ihm eine ruhige Nacht.
Kurz nach 24 Uhr weckte mich meine Tochter mit lautem Geschrei. Sie, 5 Jahre alt, stand am Fußende ihres Gitterbettes. Den Kopf in Richtung Fenster angehoben, zeigte sie mit dem Arm nach oben. „Dort, dort am Himmel, am Himmel der Name“, wiederholte sie immer wieder.
Ich schnellte aus meinem Bett zu ihr. Sie schien nicht wach zu sein. Behutsam auf sie einredend, legte ich sie wieder auf ihr Kuschelkissen.
Was für ein Zeichen wurde mir damit gegeben?!
Gegen 4.00 Uhr klingelte es an der Flurtür. Geweckt wurde ich dadurch nicht.
Ich hatte lediglich so vor mich hingedöst. Es war meine Mutter. Sie sollte ja nichts zu mir sagen. Ich wollte ES nicht hören, nicht diese Worte…
„Komm rein, ich zieh mich an und mach uns einen Kaffee.“
Dann hockten wir am großen Wohnzimmertisch wie verlorene, verlassene Kinder.
Sie erzählte mir die Ereignisse der Nacht.
In die Nachbarwohnung gehen - an sein Bett wollte und konnte ich nicht.
Tränen hatte ich keine. Nicht eine einzige, als sie ihn vormittags abholten.
Keine, als ich danach in mein Büro ging, um die Traueranzeige zu entwerfen.
„Wenn die Not am größten, wird der Tod zum Freund“, schrieb ich als Text.
Dabei kamen Laute aus meiner Kehle, die ein stark verwundetes Tier von sich gab.
Ich war das nicht, nein.
Tränen hatte ich keine. Auch nicht zur Beerdigung. Dort stand ich eine Stunde starr und mit gesenkten Kopf neben dem Sarg meines Vaters. Alles in mir schrie „geh nicht fort.“
Die Familie glaubt noch heute, dass ich eiskalt sei.
(Rückblick 31. 03. 1995)
Weiter mit diesem Datum.
Maximilian kam zu mir, als sie meinen Vater vor genau 8 Jahren hinaustrugen.
Wie überglücklich war ich über sein Kommen, wie sehr habe ich ihn geliebt, wie
strahlte er...
Ich wusste nicht, dass auch er an diesem 31. 03. das letzte Mal bei mir zu Hause sein würde.
Tränen hatte ich danach viele. Das Weinen und Reinigen meines Ichs gelernt.
Heute ist wieder ein 31. 03.
Und was wird der Tag bringen? Schließt sich der Kreis?

Zauberblicke - 31. Mär, 08:07
Selbst wenn nicht - wunderbar geschrieben!
Mit so was mache ich keine Geschichten.
andere Themen sind schöner... :-(
*Den Namen (Maximilian) habe ich natürlich verändert .
Ich habe auch so ein Erlebnis, besser zwei, die im Abstand von vielen Jahren an ein und demselben Tag passierten, aber das gehört nicht hierher (gerne aber anderswo), somit kann ich gut nachvollziehen, wie es Dir an solch einem, nämlich dem heutigen, Tag geht.
Klar sind andere Themen "wunderbarer", aber auch solche Geschichten wie diese hier muß man in Worte packen können - diese Gabe hat nicht jeder, Du schon.
Und heute wird sicher ein ganz normaler Tag, Du mußt nur daran glauben. :-)